← Zum Predigtarchiv
Sonntagspredigt

Ein Jesus, der dazulernt

August 2026 · Sonntagspredigt · ca. 5 Minuten Lesezeit

Dr. Jens Henning · Mt 15,21–28

Es gibt Evangelien, bei denen denkt man sofort: Ja, so kenne ich Jesus.

Jesus, der Menschen annimmt. Jesus, der Kranke heilt. Jesus, der Grenzen überschreitet.

Und dann gibt es dieses Evangelium.

Da möchte man beim Lesen beinahe sagen: Jesus, was ist denn heute mit dir los?

Eine Frau kommt zu ihm. Eine Ausländerin. Matthäus nennt sie ausdrücklich eine „kanaanäische Frau“. Sie gehört nicht zu Israel.

Und sie bittet nicht einmal für sich selbst. Ihre Tochter leidet.

Und Jesus?

Zunächst: nichts.

„Er aber gab ihr keine Antwort.“

Dann sagen die Jünger sinngemäß: Schick sie weg.

Und Jesus antwortet:

„Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“

Mit anderen Worten: Für dich bin ich nicht zuständig.

Aber die Frau gibt nicht auf: „Herr, hilf mir!“

Und dann wird es noch härter:

„Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“

Da stockt man.

Die Kinder – das ist Israel.

Und sie?

Sie gehört nicht dazu.

So kennen wir Jesus eigentlich nicht.

Nun gibt es eine fromme Erklärung: Jesus habe das natürlich von Anfang an gewusst und die Frau nur geprüft.

Kann sein.

Aber im Evangelium steht davon nichts.

Vielleicht versuchen wir manchmal, Jesus vor seinem eigenen Evangelium zu schützen.

Denn was wäre so schlimm an der Vorstellung, dass Jesus in dieser Begegnung etwas lernt?

Wir bekennen: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch.

Und wahrer Mensch zu sein heißt nicht: Gott zieht sich einen menschlichen Körper an und weiß im Inneren sowieso schon alles.

Dann wäre Menschwerdung ein Schauspiel.

Nein: Wenn Gott Mensch wird, dann wird er wirklich Mensch.

Mit einer Herkunft. Mit einer Kultur. Mit Erfahrungen. Und mit der Fähigkeit zu lernen.

Schon im Lukasevangelium heißt es, Jesus habe an Weisheit zugenommen.

Vielleicht auch hier.

Jesus versteht seine Sendung zunächst auf Israel bezogen.

Und dann steht plötzlich diese Frau vor ihm.

Sie passt nicht in sein bisheriges Konzept.

Und sie widerspricht ihm.

Das finde ich beinahe sensationell:

Eine ausländische Frau widerspricht Jesus – und Jesus hört ihr zu.

Sie nimmt sein eigenes Bild und dreht es um:

„Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“

Sie sagt im Grunde:

Deine Barmherzigkeit kann doch nicht an dieser Grenze enden.

Und Jesus sagt:

„Frau, dein Glaube ist groß.“

Ihre Tochter wird geheilt.

Vielleicht fällt in diesem Augenblick eine Grenze.

Ich finde das unglaublich modern.

Denn wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen vor allem eines fürchten:

zugeben zu müssen, dass sie sich geirrt haben.

In der Politik.

In der Kirche.

In sozialen Medien.

Und im ganz normalen Alltag.

Wir diskutieren oft nicht mehr, um etwas zu lernen. Wir diskutieren, um zu gewinnen.

Bloß nicht sagen:

Da hatte ich Unrecht.

So habe ich das bisher nicht gesehen.

Dabei ist das keine Schwäche.

Wer dazulernen kann, ist nicht schwach. Wer dazulernen kann, ist frei.

Ich kenne das auch von mir.

Ich bin schon in Gespräche gegangen und dachte: Ich weiß ungefähr, was das Problem ist. Ich weiß, was kirchlich richtig ist. Vielleicht weiß ich sogar, was dieser Mensch jetzt braucht.

Und manchmal musste ich nachher feststellen:

Nein. Ich hatte zu schnell gedacht.

Der andere Mensch hatte mir etwas gezeigt, das ich vorher nicht gesehen hatte.

Gerade Menschen, die nicht in unsere gewohnten kirchlichen Raster passen.

Menschen, die selten in die Kirche gehen.

Menschen, deren Lebensgeschichte anders verlaufen ist.

Von ihnen habe ich manchmal mehr über Glauben und Sehnsucht gelernt als aus mancher fertigen kirchlichen Antwort.

Das erlebe ich auch bei neuen Gottesdienstformen: Da kommen Menschen, die wir sonst kaum sehen. Und plötzlich merkt man:

Wir müssen Gott gar nicht zu ihnen bringen. Gott ist längst da.

Vielleicht müssen vielmehr wir lernen, ihn dort zu entdecken.

Und genau das ist eine große Frage an unsere Kirche.

Wir haben jahrhundertelang sehr gut darin geübt zu sagen:

So ist es.

So war es immer.

Du gehörst dazu.

Du gehörst nicht dazu.

Aber vielleicht müsste eine Kirche, die Jesus nachfolgt, öfter sagen:

Erzähl mir.

Was hast du erlebt?

Wo haben wir dich verletzt?

Was haben wir nicht verstanden?

Was können wir von dir lernen?

Denn das eigentlich Beunruhigende an diesem Evangelium ist:

Wenn Jesus sich korrigieren lassen kann – mit welchem Recht glauben wir dann, wir müssten es niemals?

Und wer bringt die Bewegung in diese Geschichte?

Nicht die Jünger.

Die wollen die Frau loswerden.

Es ist die Fremde.

Die Frau von draußen.

Vielleicht spricht Gott manchmal gerade durch diejenigen, die wir zu schnell abschreiben.

Durch Fremde.

Durch Kritiker.

Durch Menschen, die nicht in unsere Kategorien passen.

Die kanaanäische Frau bittet um einen Krümel.

Um ein kleines Stück Hoffnung für ihr Kind.

Und dabei wird etwas sichtbar:

Gottes Liebe wird nicht kleiner, wenn mehr Menschen an ihr Anteil bekommen.

Das Brot Gottes reicht.

Für Israel.

Für die Fremden.

Für die Frommen.

Für die Zweifelnden.

Für die, die dazugehören.

Und für die, die man viel zu lange vor der Tür hat stehen lassen.

Vielleicht lernt Jesus in dieser Geschichte etwas über die Weite seiner Sendung.

Und vielleicht möchte Matthäus, dass auch wir etwas lernen.

Glaube bedeutet nicht, auf jede Frage schon vorher die richtige Antwort zu besitzen.

Glaube bedeutet manchmal auch:

zuzuhören.

sich irritieren zu lassen.

und den Mut zu haben zu sagen:

Du hast recht. So habe ich das bisher nicht gesehen.

Wenn selbst Jesus in seiner wirklichen Menschlichkeit lernen konnte, dann muss niemand von uns Angst davor haben.

Vielleicht ist das sogar eine der geistlichsten Fähigkeiten überhaupt:

ein Mensch zu bleiben, der noch dazulernen kann.

Amen.

Weitere Predigten, Artikel und Impulse finden →