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Sonntagspredigt

Die Letzten bekommen auch einen Denar

September 2026 · Sonntagspredigt · ca. 5 Minuten Lesezeit

Dr. Jens Henning · Mt 20,1–16

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Evangelium hat ein Problem:

Es ist ungerecht.

Zumindest beim ersten Hören.

Da arbeitet einer seit dem frühen Morgen. Stundenlang in der Sonne, im Weinberg, bei Hitze und Staub. Und kurz vor Feierabend kommt noch einer dazu, arbeitet vielleicht eine Stunde – und bekommt exakt dasselbe.

Einen Denar.

Wenn Jesus diese Geschichte heute erzählen würde, wäre spätestens am Abend die WhatsApp-Gruppe der Belegschaft explodiert:

„Habt ihr gesehen, was der Neue bekommen hat?“

„Genau dasselbe wie wir!“

„Unfassbar.“

Und fünf Minuten später hätte sicher jemand geschrieben:

„Ich sag’s ja schon lange: Hier stimmt das ganze System nicht.“

Wir verstehen die Empörung sofort. Denn tief in uns steckt eine einfache Rechnung:

Wer mehr leistet, soll mehr bekommen.

Wer länger arbeitet, soll mehr verdienen.

Und für unsere Arbeitswelt ist das auch sinnvoll. Jesus erzählt hier schließlich keine Anleitung für Tarifverträge.

Er spricht vom Reich Gottes.

Und deshalb erzählt er die Geschichte so provozierend.

Zur Zeit Jesu stehen Tagelöhner morgens auf einem Marktplatz und hoffen darauf, für diesen Tag Arbeit zu finden. Keine feste Stelle, keine soziale Absicherung. Wer nicht ausgewählt wird, versucht es später wieder.

Und am Abend stehen noch immer Menschen dort.

Der Besitzer fragt:

„Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig?“

Ihre Antwort ist entscheidend:

„Weil uns niemand angeworben hat.“

Da steht nicht:

Weil wir keine Lust hatten.

Weil wir ausgeschlafen haben.

Weil wir Arbeit grundsätzlich überbewertet fanden.

Sondern:

Niemand hat uns gebraucht.

Vielleicht waren sie älter. Vielleicht körperlich schwächer. Vielleicht fremd. Vielleicht standen sie einfach an der falschen Stelle.

Wir wissen es nicht.

Aber sie wurden übersehen.

Und dann kommt dieser Weinbergbesitzer und sagt:

Auch euch brauche ich.

Geht in meinen Weinberg.

Allein darin steckt schon eine starke Botschaft.

Du kannst dein halbes Leben lang das Gefühl haben, andere seien schneller gewesen, erfolgreicher, klüger, religiöser, stärker – und bei Gott gibt es trotzdem diesen Satz:

Auch dich brauche ich.

Am Abend bekommen schließlich alle einen Denar.

Warum?

Ein Denar entsprach ungefähr dem Lohn, mit dem ein Tagelöhner den Lebensunterhalt für diesen Tag sichern konnte.

Und plötzlich verändert sich die Frage.

Der Weinbergbesitzer fragt offenbar nicht nur:

Was hast du geleistet?

Sondern auch:

Was brauchst du zum Leben?

Das ist eine andere Logik.

Den Arbeitern der ersten Stunde wird übrigens nichts weggenommen. Sie bekommen genau das, was vereinbart war.

Der Besitzer sagt:

„Freund, dir geschieht kein Unrecht.“

Das Problem beginnt erst, als sie sehen, was die anderen bekommen.

Solange sie nur auf ihren eigenen Denar schauen, ist alles gut.

Dann schauen sie nach rechts und links.

Und plötzlich schmeckt der eigene Denar nicht mehr.

Das kennen wir.

Eigentlich geht es mir gut.

Bis ich sehe, wie gut es jemand anderem geht.

Eigentlich bin ich mit meinem Auto zufrieden.

Bis der Nachbar mit einem neuen vorfährt.

Eigentlich war mein Urlaub schön.

Bis ich Instagram öffne und merke, dass offenbar der Rest der Menschheit gerade auf den Malediven sitzt.

Vergleich kann aus Zufriedenheit erstaunlich schnell Unzufriedenheit machen.

Und der Weinbergbesitzer fragt am Ende wörtlich:

„Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“

Das „böse Auge“ war damals ein Bild für Neid.

Also:

Warum macht dich meine Großzügigkeit gegenüber einem anderen unglücklich?

Das ist vielleicht die unangenehmste Frage dieses Evangeliums.

Denn wir wünschen uns einen großzügigen Gott.

Natürlich.

Aber manchmal soll er vor allem zu uns großzügig sein.

Wenn Gott anderen großzügig begegnet, von denen wir meinen, sie hätten es nicht verdient, wird es komplizierter.

Und genau da sind wir bei einem Kern des christlichen Glaubens:

bei der Gnade.

Gnade bedeutet:

Du bekommst nicht nur, was du verdient hast.

Du bekommst, was du zum Leben brauchst.

Vergebung zum Beispiel.

Wenn Vergebung nur derjenige bekäme, der sie verdient hat, bräuchten wir sie nicht.

Oder Liebe.

Wenn Liebe erst nach ausreichender Leistung ausgezahlt würde, wäre sie keine Liebe mehr.

Der Himmel ist kein Bonusprogramm.

Zehn Vaterunser, zwanzig gute Taten, dreißig Jahre Kirchendienst – und beim zehnten Stempel gibt es die Ewigkeit gratis.

So funktioniert Gott nicht.

Auch in der Kirche kennen wir die Arbeiter der ersten Stunde.

Menschen, die seit Jahrzehnten mitarbeiten, organisieren, putzen, singen, beten, Verantwortung übernehmen.

Und Gott sei Dank gibt es sie.

Aber Jesus warnt:

Aus Treue darf kein Besitzanspruch werden.

„Ich bin schon länger dabei“ ist im Reich Gottes keine höhere Eintrittskarte.

Der Mensch, der mit siebzig Jahren zum ersten Mal nach Gott fragt, ist kein Christ zweiter Klasse.

Der Mensch, der nach Jahrzehnten wieder eine Kirche betritt, muss nicht hinten Platz nehmen.

Und auch ein Leben mit Brüchen bekommt bei Gott keine reduzierte Portion Liebe.

Denn Gottes Liebe wird nicht verteilt wie Kuchen.

Wenn ein anderer viel bekommt, bleibt für mich nicht weniger.

Vielleicht ist das unser Denkfehler.

Wir behandeln Anerkennung, Liebe und Gnade, als wären sie begrenzte Ressourcen.

Aber bei Gott bedeutet das Glück des anderen nicht meinen Verlust.

Und dann bekommt der Satz Jesu am Ende einen neuen Klang:

„Die Letzten werden Erste sein und die Ersten Letzte.“

Jesus dreht nicht einfach die Rangliste um.

Dann hätten wir wieder dieselbe Rangliste, nur andersherum.

Er stellt die ganze Rangliste infrage.

Im Reich Gottes geht es weniger darum, wer vor wem steht.

Sondern darum, dass am Ende niemand vergessen wird.

Vielleicht ist der Denar deshalb mehr als Geld.

Vielleicht steht er für Würde.

Für Zugehörigkeit.

Für die Erfahrung:

Ich bin gesehen.

Ich werde gebraucht.

Ich gehöre dazu.

Und dann lautet die entscheidende Frage nicht mehr:

„Ist das gerecht?“

Sondern:

Kann ich mich darüber freuen, dass Gott auch dem anderen gibt, was er zum Leben braucht?

Auch dem, der später kommt.

Auch dem, dessen Weg anders war.

Auch dem, von dem ich denke:

Der hat das doch gar nicht verdient.

Und Gott sagt vielleicht:

Genau.

Deshalb nennt man es Gnade.

Amen.

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