Ihr seid keine Statisten!
Dr. Jens Henning · Messdiener · Berufung · Gemeinschaft
Liebe neue Messdienerinnen und Messdiener, liebe alte Hasen, liebe Gemeinde,
ich habe mal geschaut, wer vor euch diesen Job schon gemacht hat.
Und die Liste ist gar nicht schlecht:
Thomas Gottschalk – Messdiener. Günther Jauch – Messdiener. Hape Kerkeling – Messdiener. Stefan Raab – Messdiener. Christoph Maria Herbst – Messdiener. Und sogar Fußball-Weltmeister Thomas Müller war Messdiener.
Also, liebe Eltern: Falls Sie sich gefragt haben, ob Messdiener sein später beruflich irgendetwas bringt …
offenbar bestehen gewisse Karrierechancen.
Fernsehen. Bühne. Fußball.
Ob das bei allen funktioniert, kann ich nicht garantieren.
Ich selbst war schließlich auch Messdiener – und schaut, was aus mir geworden ist.
Pfarrer.
Also: Das Risiko besteht ebenfalls.
Vielleicht ist es gar nicht so zufällig, dass viele Menschen, die später auf Bühnen standen oder Verantwortung übernommen haben, vorher einmal Messdiener waren.
Denn als Messdiener lernt man etwas.
Du stehst plötzlich vorne.
Alle können dich sehen.
Und das ist beim ersten Mal gar nicht so entspannt.
Man muss sich merken:
Wann stehe ich auf? Wo muss ich hin? Wann kommt das Buch? Wann die Kerze? Wann klingelt man?
Und dann gibt es diesen wunderbaren Moment, in dem man plötzlich merkt:
Mist. Alle anderen laufen nach rechts – nur ich nach links.
Das gehört dazu.
Messdiener sein bedeutet nicht: Ich muss alles perfekt können.
Messdiener sein bedeutet:
Ich traue mich.
Ich traue mich, vor anderen zu stehen. Ich traue mich, Verantwortung zu übernehmen. Und ich traue mich auch, einmal etwas falsch zu machen.
Ich erinnere mich noch an einen Gottesdienst, bei dem ich Weihrauch machen durfte.
Ich war natürlich stolz. Denn Weihrauch war für uns Messdiener damals ungefähr die Königsklasse.
Und ich wollte es besonders gut machen.
Also habe ich ordentlich Kohle aufgelegt. Dann Weihrauch drauf. Noch ein bisschen. Und sicherheitshalber noch einmal etwas.
Das Ergebnis war beeindruckend.
Innerhalb weniger Sekunden war der Altarraum komplett eingenebelt.
Der Pfarrer verschwand fast hinter der Rauchwolke, in den ersten Reihen wurde gehustet – und ich stand da mit dem Weihrauchfass und dachte:
So. Jetzt ist Gott wirklich geheimnisvoll. Man sieht jedenfalls nichts mehr.
Der Pfarrer schaute mich nur an und sagte leise:
„Jens Henning … es reicht.“
Ich habe damals gelernt:
Viel hilft nicht immer viel.
Und vielleicht ist das sogar eine geistliche Erkenntnis:
Manchmal braucht es gar nicht das Spektakuläre. Manchmal reicht ein bisschen, damit etwas spürbar wird.
Wenn ich an meine eigene Messdienerzeit zurückdenke, dann bleibt nicht zuerst hängen, ob jeder Handgriff perfekt gesessen hat.
Was hängenbleibt, sind Menschen.
Gemeinschaft.
Der Quatsch vor oder nach dem Gottesdienst.
Das Gefühl:
Ich gehöre dazu.
Und jeder, der schon einmal mit Weihrauch ministriert hat, weiß:
Zwischen „Da kommt überhaupt nichts raus!“ und „Wir evakuieren gleich die ersten drei Bankreihen“ liegen manchmal ungefähr zwölf Sekunden.
Kirche darf lebendig sein. Kirche darf Spaß machen.
Und ja:
Kirche darf auch mal schiefgehen.
Aber hinter all dem steckt etwas Größeres.
Denn ihr seid hier vorne nicht einfach Dekoration.
Ihr seid keine Statisten in weißen Gewändern.
Das Wort „Ministrant“ kommt vom lateinischen ministrare.
Und das bedeutet:
dienen.
Jetzt klingt „dienen“ erst einmal nicht besonders cool.
Heute will man Influencer sein. Creator. Leader. Vielleicht CEO.
Aber „Diener“?
Nicht unbedingt das Berufsziel Nummer eins.
Und genau hier wird es spannend.
Denn Jesus dreht unsere Vorstellung davon komplett um.
Bei ihm ist nicht der groß, der sich von allen bedienen lässt.
Groß ist der Mensch, der bereit ist, etwas für andere zu tun.
Der nicht immer fragt:
„Was habe ich davon?“
Sondern manchmal:
„Was kann ich geben?“
Und genau das macht ihr.
Ihr kommt sonntags hierher, obwohl man länger schlafen könnte.
Ihr übernehmt Aufgaben.
Ihr sorgt mit dafür, dass unser Gottesdienst schön und feierlich wird.
Ihr seid da.
Und manchmal ist genau das schon unglaublich viel:
Da sein.
Und dann steht ihr während der Eucharistie ganz nah am Altar.
Buch bringen. Gaben bringen. Leuchter. Klingeln. Weihrauch.
Aber eigentlich geschieht da etwas Verrücktes.
Mitten in unserem ganz normalen Leben sagen wir:
Gott ist da.
Nicht irgendwo weit weg.
Nicht nur in alten Geschichten.
Hier.
Mitten unter Menschen.
Mitten in Brot und Wein.
Und ihr steht ganz nah dran.
Nicht, weil ihr heiliger oder wichtiger seid.
Sondern weil ihr einen Dienst übernehmt.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Lektionen, die man am Altar lernen kann:
Gott braucht keine Stars. Gott sucht Menschen, die da sind.
Menschen, die sagen:
Ich mache mit.
Ich probiere es.
Ich übernehme etwas.
Messdiener sein ist deshalb nicht einfach irgendein Kinderjob in der Kirche.
Es kann etwas sein, das einen Menschen prägt.
Vielleicht werdet ihr irgendwann Gruppenleiter.
Vielleicht steht einer von euch irgendwann als Trainer am Spielfeldrand.
Vielleicht moderiert jemand eine Fernsehsendung.
Vielleicht wird jemand Ärztin, Lehrer, Handwerkerin, Ingenieur, Künstler …
und vielleicht – man weiß ja nie –
wird tatsächlich noch einer Pfarrer.
Aber etwas von dem, was ihr hier lernt, könnt ihr überall brauchen:
Verantwortung übernehmen.
Aufeinander achten.
Fehler nicht dramatisieren.
Gemeinsam etwas schaffen.
Und wissen:
Ich muss nicht immer im Mittelpunkt stehen, um wichtig zu sein.
Deshalb sagen wir euch heute:
Schön, dass ihr da seid.
Wir brauchen euch.
Nicht nur jemanden, der Kerzen trägt oder klingelt.
Euch.
Mit euren Ideen.
Mit eurem Lachen.
Mit euren Fragen.
Mit euren Talenten.
Und meinetwegen auch mit dem einen oder anderen Patzer.
Denn eine Kirche, in der junge Menschen ausprobieren dürfen, Verantwortung bekommen, Gemeinschaft erleben, lachen, glauben und vielleicht auch einmal zweifeln dürfen –
das ist eine Kirche, die Zukunft hat.
Also:
Willkommen im Team.
Habt Spaß.
Probiert euch aus.
Und wenn irgendwann beim Ministrieren alle nach rechts gehen und ihr nach links …
keine Panik.
Einfach würdevoll schauen.
Dann sieht es für die Gemeinde so aus, als wäre es genauso geplant gewesen.
Amen.