Kommt und kauft ohne Geld
Dr. Jens Henning · Jes 55,1–3
Liebe Schwestern und Brüder,
„Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft und esst! Kommt und kauft ohne Geld!“
Dieser Text ist eine kleine Revolution der Religionsgeschichte.
Denn Religion wurde oft so verstanden: Der Mensch gibt Gott etwas – und Gott gibt ihm etwas zurück. Man hält Gebote, damit Gott einen belohnt. Man betet, damit Gott die eigenen Wünsche erfüllt.
Leistung gegen Lohn. Gabe gegen Gegengabe.
So funktioniert vieles im Alltag. Wer arbeitet, bekommt Geld. Wer trainiert, wird fitter. Und wer genügend Punkte sammelt, bekommt irgendwann eine Prämie – oder eine Pfanne, die er vorher gar nicht vermisst hat.
Dieses Denken übertragen wir leicht auf Gott: Habe ich genug gebetet? Genug Gutes getan? Bin ich fromm genug? Bin ich überhaupt würdig, zu ihm zu kommen?
Dann durchbricht Jesaja dieses Denken:
„Kommt und kauft ohne Geld!“
Kaufen ohne Geld – das geht eigentlich nicht. Genau das ist die Pointe.
Bei Gott gibt es nichts zu kaufen. Seine Liebe ist keine Ware. Seine Gnade ist keine Belohnung für religiöse Höchstleistungen.
Gott sagt nicht: Zeig mir zuerst, was du geleistet hast.
Er sagt: Du hast Durst? Dann komm.
Während meiner Zeit als Schulseelsorger kam einmal ein etwa sechzehnjähriger Schüler zu mir. Er wusste nicht mehr weiter. Alles war ihm zu viel geworden. Er hatte sogar schon Gedanken, nicht mehr leben zu wollen.
Er wurde gemobbt und fühlte sich nichts wert, weil er nicht zu denen gehörte, die besonders cool waren, gut Fußball spielten oder in der Klasse den Ton angaben.
In einem solchen Moment merkt man schnell, wie wenig kluge Sätze helfen.
Wichtig war zunächst: zuhören. Dableiben. Ihm zeigen: Du bist nicht allein. Du musst dich nicht rechtfertigen und nicht beweisen, dass dein Leben wertvoll ist.
Wir führten viele Gespräche und suchten gemeinsam nach weiterer Hilfe. Dabei ging es immer wieder um eine Frage:
Wie sieht Gott dich?
Gott beurteilt dich nicht danach, wie beliebt, sportlich oder schlagfertig du bist. Nicht danach, ob du den Erwartungen anderer entsprichst.
Gott sieht dich als den Menschen, der du bist: einzigartig, wertvoll und geliebt.
Langsam konnte der Schüler entdecken: Ich muss nicht erst jemand anderes werden, um angenommen zu sein. Ich muss nicht besonders cool sein oder Fußball spielen können. Ich muss mich nicht verbiegen, um dazuzugehören.
Ich konnte seine Probleme nicht einfach lösen. Aber ich konnte ihm helfen, sich mit anderen Augen zu sehen – vielleicht ein wenig mit den Augen Gottes. Und ich konnte ihm einen Raum geben, in dem er mit seiner Angst und Verzweiflung da sein durfte.
Vielleicht ist genau das ein Bild für den heutigen Text.
Gott sagt nicht: Reiß dich zusammen. Werde erst stärker und komm dann wieder.
Gott sagt: Komm jetzt. Mit deinem Durst. Mit deiner Leere. Mit dem, was du selbst kaum aussprechen kannst.
Das ist die Revolution: Nicht nur die Starken werden eingeladen, sondern gerade die Durstigen. Nicht nur diejenigen, die alles im Griff haben, sondern die, denen etwas fehlt.
Jesaja fragt:
„Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht?“
Wofür geben wir Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit aus? Was verspricht uns ein erfülltes Leben – und lässt uns doch leer zurück?
Wir sammeln Termine, Besitz und Anerkennung. Wir vergleichen uns mit anderen und fragen uns, ob wir erfolgreich und beliebt genug sind.
Manchmal beschäftigen wir uns stundenlang mit einem Ärger, den der andere längst vergessen hat. Wir liegen wach – und der Mensch, über den wir uns aufregen, schläft vermutlich ausgezeichnet.
Vieles kostet Kraft. Aber nicht alles nährt.
Der tiefste Durst unseres Herzens lässt sich nicht kaufen: der Durst danach, geliebt zu sein. Nach Frieden und Geborgenheit. Nach der Gewissheit: Mein Leben ist wertvoll – auch wenn ich nichts Besonderes leiste.
„Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir! Hört, dann werdet ihr leben.“
Vielleicht beginnt Glaube nicht mit dem Reden, sondern mit dem Hören.
Damals als Schulseelsorger musste zunächst ich hören. Und ich glaube: Noch bevor dieser Schüler zu mir kam, hatte Gott ihn längst gehört.
Gott hört, was Menschen kaum in Worte fassen können. Er hört die Angst hinter dem Schweigen und den Lebensdurst mitten in der Verzweiflung.
Manchmal gibt Gott seine Antwort durch Menschen: durch jemanden, der zuhört, dableibt und Hilfe organisiert.
Vielleicht können auch wir solche Menschen sein.
Nicht indem wir für alles eine Lösung haben. Sondern indem wir einem anderen vermitteln:
Du musst dir deine Würde nicht verdienen. Du bist nicht allein. Dein Leben zählt.
„Kommt und kauft ohne Geld.“
Nicht wir müssen Gott etwas geben, damit er uns liebt. Gott liebt uns zuerst.
Nicht wir müssen vollkommen sein, bevor wir zu ihm kommen dürfen. Wir dürfen kommen, weil wir Durst haben.
Mit unserer Freude und unserer Trauer. Mit unserem Glauben und unseren Zweifeln. Mit dem, was gelungen ist, und mit dem, was offenbleibt.
Wir kommen mit leeren Händen.
Und Gott sagt: Genau so bist du willkommen.
Amen.