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Kirchweih in Berghausen

Wozu braucht man eigentlich noch eine Kirche?

September 2026 · Kirchweih in Berghausen · ca. 5 Minuten Lesezeit

Dr. Jens Henning · Kirchweih · Gemeinde · Hoffnung

Liebe Schwestern und Brüder,

Kirchweih.

Was feiern wir da eigentlich?

Dass vor vielen Jahren ein Gebäude fertig geworden ist?

Wenn das schon ein Grund für ein jährliches Fest wäre, müssten wir auch jedes Jahr den Geburtstag des Rathauses feiern. Oder der Turnhalle. Mit Festhochamt, Weihrauch und Sektempfang.

Kirchweih muss also ein bisschen mehr sein als der Geburtstag eines alten Gebäudes.

Denn seien wir ehrlich: So eine Kirche ist aus rein wirtschaftlicher Sicht erst einmal ein ziemlich fragwürdiges Unternehmen.

Sie ist groß. Sie muss beheizt werden. Das Dach muss dicht sein. Die Glocken brauchen Wartung. Und irgendwann kommt garantiert jemand und sagt den gefürchteten Satz:

„Da müsste man mal was machen.“

Und jeder Verwaltungsrat weiß: Dieser Satz wird selten billig.

Man könnte also fragen: Brauchen wir das alles überhaupt noch?

Die Menschen werden weniger. Die Gottesdienstbesucher auch. Die Kosten steigen.

Vielleicht könnte man Wohnungen daraus machen. Oder einen Veranstaltungsraum. Oder – wirtschaftlich besonders interessant – ein Fitnessstudio.

Dann hieße es nicht mehr: „Der Herr sei mit euch“, sondern: „Noch drei Wiederholungen!“

Und statt Weihrauch gäbe es Proteinshakes.

Aber vielleicht merken wir genau daran: Eine Kirche ist eben nicht irgendein Gebäude.

Sie ist ein anderer Raum.

Und solche Räume werden vielleicht immer wichtiger.

Denn draußen dreht sich fast alles darum, etwas zu leisten.

Du musst funktionieren. Erreichbar sein. Entscheidungen treffen. Etwas darstellen.

Selbst im Urlaub muss man heute schöne Fotos machen, damit alle sehen können, wie wunderbar man sich gerade erholt.

Und dann steht mitten in Berghausen diese Kirche.

Und sie sagt: Hier musst du erst einmal gar nichts.

Du darfst hereinkommen.

Dich hinsetzen.

Schweigen.

Dankbar sein.

Traurig sein.

Du darfst sogar mit Gott streiten.

Und niemand verlangt am Ausgang einen Leistungsnachweis.

Vielleicht ist genau das eines der großen Geschenke einer Kirche: Hier wird der Mensch nicht danach gefragt, was er kann.

Sondern danach, wer er ist.

Ein Mensch.

Mit seiner Geschichte. Mit Hoffnungen. Fehlern. Wunden. Mit seinem ganzen Leben.

Und diese Geschichten stecken auch in diesen Mauern.

Wie viele Menschen sind hier wohl schon hereingekommen?

Menschen mit Herzklopfen vor ihrer Hochzeit.

Eltern mit einem kleinen Kind bei der Taufe.

Kinder bei ihrer Erstkommunion.

Menschen an Weihnachten.

Menschen, die einfach eine Kerze angezündet haben.

Und Menschen, die hier saßen und wussten: Jetzt muss ich Abschied nehmen.

Wenn diese Mauern sprechen könnten …

dann hätten sie vermutlich mehr über Berghausen zu erzählen als manche Dorfchronik.

Sie kennen Freude und Trauer.

Große Feste und stille Gebete.

Und vermutlich auch manche Predigt, an die sich heute niemand mehr erinnert.

Vielleicht ist das in manchen Fällen auch ganz gut so.

Aber Kirchweih erinnert uns nicht nur daran, was hier einmal gewesen ist.

Sonst wäre Kirche ein Museum.

Ein schönes Museum. Mit Kerzen. Orgel. Heiligenfiguren. Und gelegentlich Weihrauch.

Aber Jesus hat keine Museen gegründet.

Er hat Menschen gesammelt.

Denn Kirche heißt ursprünglich nicht Gebäude.

Kirche heißt Gemeinschaft.

Menschen, die glauben: Es gibt mehr als das, was ich sehe.

Menschen, die hoffen: Liebe ist stärker als Hass.

Versöhnung ist stärker als Schuld.

Leben ist stärker als Tod.

Und Gott hat diese Welt noch lange nicht aufgegeben.

Darum wäre es ein Missverständnis, wenn wir heute nur sagen:

„Wie schön, dass wir diese Kirche haben.“

Die spannendere Frage lautet:

Was passiert eigentlich draußen, weil es diese Kirche gibt?

Werden Menschen getröstet?

Werden Einsame besucht?

Werden Kinder willkommen geheißen?

Finden Menschen Gemeinschaft?

Stehen wir auf, wenn andere ausgegrenzt werden?

Sind wir ein Ort, an dem Menschen merken: Hier zählt nicht, woher du kommst. Nicht wie alt du bist. Nicht wie viel Geld du hast. Nicht ob dein Leben immer glattgelaufen ist.

Sondern: Du bist da.

Und deshalb gehörst du dazu.

Dann lebt eine Kirche.

Sonst haben wir irgendwann ein hervorragend renoviertes Gebäude – aber vergessen, warum wir es überhaupt gebaut haben.

Vielleicht ist Kirchweih deshalb so etwas wie der jährliche TÜV der Kirche.

Nicht der Dachstuhl wird geprüft.

Nicht die Glocken.

Sondern wir selbst.

Die Frage lautet:

Sind wir noch das, wofür dieses Haus steht?

Offen?

Einladend?

Hoffnungsvoll?

Menschlich?

Oder schützen wir manchmal unsere Traditionen besser als die Menschen?

Kirche darf Tradition haben.

Sehr viel sogar.

Aber Tradition ist nicht: die Asche bewachen.

Tradition heißt: das Feuer weitergeben.

Die Hoffnung.

Den Glauben.

Die Erfahrung: Du musst dein Leben nicht allein tragen.

Da ist Gott.

Und da sind Menschen an deiner Seite.

Deshalb feiern wir heute Kirchweih.

Nicht weil Steine Geburtstag haben.

Sondern weil Menschen seit Generationen gesagt haben:

Wir brauchen mitten in unserem Ort einen Platz, der uns daran erinnert, dass das Leben größer ist als unser Alltag.

Einen Platz für Dankbarkeit.

Für Zweifel.

Für Hoffnung.

Für Abschied.

Für Neubeginn.

Einen Platz für Gott.

Und vielleicht auch einen Ort, an dem Gott uns gelegentlich daran erinnert:

„Schön, dass ihr meine Kirche renoviert.

Aber vergesst mir bitte die Menschen nicht.“

Denn die eigentliche Kirche Gottes besteht nicht aus Sandstein, Holz, einem Turm oder einer schönen Orgel.

Die eigentliche Kirche Gottes –

das sind wir.

Und deshalb wünsche ich uns zu dieser Kirchweih:

Dass diese Kirche in Berghausen noch sehr lange steht.

Aber noch mehr wünsche ich mir:

Dass sie lebt.

Durch Menschen, die lachen können.

Die miteinander feiern.

Die einander tragen.

Die vergeben können.

Die neugierig bleiben.

Und die mitten in dieser Welt sagen:

Wir glauben noch immer daran,

dass Gott hier wohnt.

Nicht nur hinter diesen Mauern.

Sondern mitten unter uns.

Amen.

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