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Homosexualität und Bibel

Wenn Bibelverse gegen Menschen verwendet werden

Dr. Jens Henning · · ca. 8 Minuten Lesezeit · Theologischer Standpunkt

Biblische Texte verdienen eine sorgfältige Auslegung. Und Menschen verdienen eine Kirche, die ihre Liebe und ihre Würde ernst nimmt.

1. Bibel lesen heißt: Zusammenhänge wahrnehmen

Wenn einzelne Bibelverse gegen queere Menschen verwendet werden, geht es um die Frage, wie wir überhaupt Bibel lesen. In meinem Instagram-Beitrag „Wenn Bibelverse gegen Menschen verwendet werden“ vom 28. Juli 2026 habe ich dafür geworben, Sprache, Geschichte und Zusammenhang ernst zu nehmen. Hier führe ich diesen Gedanken ausführlicher weiter.

Die biblischen Schriften kennen gleichgeschlechtliches Begehren und entsprechende Handlungen. Was sie nicht voraussetzen, ist unser heutiges Verständnis sexueller Orientierung als einer Dimension der Person. Das bedeutet weder, dass Menschen damals keine dauerhaften Neigungen hatten, noch, dass es nur ausbeuterische Beziehungen gab. Es bedeutet: Unsere heutigen Begriffe und Fragen sind mit denen der Texte nicht deckungsgleich.

Für eine verantwortliche Auslegung unterscheide ich deshalb drei Fragen: Was steht im Text? Was lässt sich über seinen damaligen Zusammenhang sagen? Und welche ethische Orientierung gewinnen wir daraus heute? Meine Folgerung ist: Eine liebevolle, verbindliche und gleichberechtigte Partnerschaft darf nicht vorschnell mit jeder antiken Beschreibung gleichgeschlechtlicher Handlungen gleichgesetzt werden.

2. Gen 1,27–28 und Gen 2,18: Geschlecht, Fruchtbarkeit, Gemeinschaft

In Gen 1,27 werden Menschen als Gottes Bild beschrieben und als männlich und weiblich bezeichnet. Der Text sagt nicht „Ehemann und Ehefrau“. Allerdings gehört der folgende Fruchtbarkeitssegen zu seinem Zusammenhang. Die geschlechtliche Differenz und die Weitergabe des Lebens haben darin einen wichtigen Platz. Das ernst zu nehmen, verlangt noch kein abschließendes Urteil über jede andere Form menschlicher Beziehung.

Der Segen in Gen 1,28 richtet sich an die Menschheit. Daraus lässt sich keine individuelle Pflicht jedes Menschen zur Fortpflanzung ableiten. Auch kinderlose Paare und unverheiratet lebende Menschen besitzen ihre volle Würde. Bereits die biblische Wertschätzung der Ehelosigkeit – etwa in 1 Kor 7 – zeigt, dass ein gelungenes Leben vor Gott nicht von eigener Elternschaft abhängt.

Gen 2,18 setzt bei der Einsamkeit des Menschen an. Die Erzählung führt zur Gemeinschaft von Mann und Frau und zur ehelichen Verbindung in Gen 2,24. Sie spricht also tatsächlich von einer verschiedengeschlechtlichen Beziehung. Zugleich öffnet ihr Ausgangspunkt eine weiterführende Frage: Wie können Menschen einander ein Gegenüber sein, an dem sie wachsen, Vertrauen erfahren und Verantwortung lernen?

Meine theologische Folgerung: Die Schöpfungstexte würdigen die Verbindung von Mann und Frau. Als Verzeichnis aller erlaubten und unerlaubten Partnerschaften lese ich sie nicht. Ihr Ja zur Gottesebenbildlichkeit und zum Leben in Beziehung nehme ich auch für gleichgeschlechtlich liebende Menschen ernst. Gen 1 ↗ · Gen 2 ↗ · 1 Kor 7 ↗

3. Gen 19: Sodom erzählt von Gewalt gegen Fremde

In Sodom wird Lots Haus von einer Menschenmenge umstellt. Die Männer verlangen die Herausgabe seiner Gäste, um sie sexuell zu missbrauchen. Hier geht es um angedrohte Gruppenvergewaltigung, Demütigung und Macht über schutzbedürftige Fremde. Eine einvernehmliche Liebesbeziehung ist nicht Gegenstand dieser Szene.

Auch Lots Angebot, stattdessen seine Töchter auszuliefern, gehört zur verstörenden Gewalt dieser Erzählung. Es ist keine ethische Handlungsanweisung. Eine verantwortliche Lektüre muss die bedrohten Frauen ebenso im Blick behalten wie die bedrohten Gäste.

Ez 16,49 nennt als Schuld Sodoms Hochmut, Überfluss und die unterlassene Hilfe für Arme. Das zeigt, wie viel breiter die biblische Auseinandersetzung mit Sodom ist. Auch die Päpstliche Bibelkommission legt Gen 19 im Zusammenhang von Fremdenfeindlichkeit und gewaltsamer Erniedrigung aus (2019, Nr. 186–188).

Meine Folgerung: Wer Sodom zur Verurteilung gleichgeschlechtlicher Liebe heranzieht, verwischt die entscheidende Unterscheidung zwischen Gewalt und Einvernehmen. Gerade die Achtung der Würde und der Schutz vor Übergriffen sind hier gefragt. Gen 19 ↗ · Ez 16,49 ↗

4. Lev 18,22 und Lev 20,13: Ein Verbot in einer antiken Ordnung

Diese beiden Stellen verbieten männlichen gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr; Lev 20,13 verbindet das mit der Todesstrafe. Der Wortlaut ist scharf. Die verbreitete Behauptung, er verbiete nachweislich nur Kindesmissbrauch oder nur Kultprostitution, lässt sich aus diesen Versen nicht begründen.

Die Vorschriften stehen im Heiligkeitsgesetz des Levitikus. Darin werden Gottesverehrung, Verwandtschaft, Sexualität, Reinheit und das Zusammenleben Israels geregelt. Eine patriarchal geprägte Gesellschaft bildet ihren geschichtlichen Horizont. Warum genau dieses Verbot so formuliert wurde, wird unterschiedlich erklärt; der Text selbst liefert dafür keine ausführliche Begründung.

Das Wort „Gräuel“ allein entscheidet noch nicht, wie eine Vorschrift heute anzuwenden ist. Aber auch die Einordnung als Reinheitsvorschrift erledigt die Frage nicht: Im selben Zusammenhang stehen Verbote von Gewalt und schwerem Unrecht. Wir brauchen begründete Kriterien dafür, welche Normen wir wie aufnehmen.

Christliche Auslegung übernimmt weder diese Strafordnung noch sämtliche Einzelvorschriften unverändert. Meine Rückfrage lautet daher: Aus welchem theologischen Grund soll gerade dieses Sexualverbot unverändert auf heutige Partnerschaften angewandt werden? Die Antwort muss sich an Gottes- und Nächstenliebe, am Schutz der Person und an der Wirklichkeit verantworteter Beziehungen bewähren. Lev 18 ↗ · Lev 20 ↗

5. Röm 1,26–27: Götzendienst, Begehren und das Urteil über andere

Paulus ordnet die geschilderten sexuellen Handlungen in seine Kritik am Götzendienst ein. Menschen vertauschen nach seiner Darstellung die Verehrung Gottes mit der Verehrung von Geschöpfen; daran schließen sich Beschreibungen entehrender Leidenschaften und vielfältigen Unrechts an. Häufig wird Vers 26 auf gleichgeschlechtliche Handlungen von Frauen bezogen, Vers 27 spricht ausdrücklich von Männern.

Der Text lässt sich nicht überzeugend auf Vergewaltigung oder Päderastie verengen. Paulus bewertet die beschriebenen Handlungen weitergehend negativ. Ebenso wenig bietet er jedoch eine Untersuchung heutiger gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Er deutet das Begehren aus seiner Schöpfungsauffassung und innerhalb einer grundsätzlichen Argumentation über die Verstrickung aller Menschen in Schuld.

Wer weiterliest, stößt in Röm 2,1 auf eine scharfe Wendung gegen den richtenden Menschen. Das hebt die Aussagen des ersten Kapitels nicht auf. Es verhindert aber, dass Lesende sich bequem auf die Seite der moralisch Überlegenen stellen.

Meine kritische Rückfrage lautet: Trifft die Beschreibung als Folge von Götzendienst und entgrenzter Begierde die Wirklichkeit eines gläubigen gleichgeschlechtlichen Paares, das einander treu begleitet? Ich halte eine unmittelbare Gleichsetzung für sachlich und theologisch unzureichend. Das ist eine begründungsbedürftige heutige Bewertung des Textes, keine Behauptung, Paulus habe selbst bereits unsere Position vertreten. Röm 1–2 ↗

6. 1 Kor 6,9–10 und 1 Tim 1,10: Übersetzen heißt deuten

In diesen Lasterkatalogen begegnen Begriffe, deren Übersetzung besondere Sorgfalt verlangt. In 1 Kor 6,9 stehen malakoi und arsenokoitai; in 1 Tim 1,10 erscheint der zweite Begriff erneut. Die Einheitsübersetzung gibt sie in 1 Kor 6,9 mit „Lustknaben“ und „Knabenschänder“ wieder. Diese deutschen Wörter sind bereits Auslegungsentscheidungen.

Malakoi bedeutet wörtlich „Weiche“. Das Wort kann in antiken Zusammenhängen moralisch oder sexuell abwertend gebraucht werden; in Mt 11,8 bezeichnet dasselbe Adjektiv weiche Kleidung. Welche konkrete Gruppe in 1 Kor 6 gemeint ist, muss aus dem Zusammenhang erschlossen werden. Eine Gleichsetzung mit einer heutigen sexuellen Identität ist keine bloß wörtliche Übersetzung.

Arsenokoitai verbindet sprachlich „männlich“ und „Bett“ beziehungsweise Geschlechtsverkehr. Eine Anknüpfung an die griechische Fassung der Levitikusverbote liegt nahe. Umstritten ist, ob bestimmte ausbeuterische Praktiken oder männlicher gleichgeschlechtlicher Verkehr allgemeiner gemeint sind. Eine sichere Beschränkung auf Missbrauch lässt sich ebenso wenig behaupten wie eine genaue Entsprechung zur heutigen Kategorie „homosexuelle Menschen“.

In 1 Tim 1,10 stehen daneben unter anderem Menschenhändler und Lügner. Aus der Nachbarschaft der Wörter folgt aber nicht automatisch, dass arsenokoitai ausschließlich Menschenhandel oder Ausbeutung bezeichnet. Solche Abkürzungen schwächen eine offene Auslegung.

Meine Folgerung: Die Texte enthalten negative Urteile über sexuelle Praktiken. Was sie damit heute für verantwortlich gelebte Beziehungen bedeuten, braucht eine zusätzliche ethische Argumentation. Ein einzelnes deutsches Übersetzungswort kann diese Arbeit nicht ersetzen. 1 Kor 6 ↗ · 1 Tim 1 ↗ · Mt 11,8 ↗

7. Was Jesus sagt – und worüber er nicht spricht

Ein ausdrückliches Wort Jesu über gleichgeschlechtliche Partnerschaften ist in den Evangelien nicht überliefert. Daraus allein folgt weder Zustimmung noch Ablehnung. In Mt 19,3–9 greift Jesus die Schöpfungstexte auf, um auf eine Frage nach Scheidung zu antworten. Er betont die Verbindlichkeit der Ehe; er führt dort keine ausdrückliche Debatte über sexuelle Orientierung.

Für meine Auslegung sind sein Doppelgebot der Liebe (Mt 22,34–40) und die Verbindung von Gottesliebe und konkreter Zuwendung entscheidend. Auch Paulus benennt in Röm 13,8–10 die Liebe als Erfüllung des Gesetzes. Das bedeutet nicht, dass sich mit dem Wort Liebe jedes Verhalten rechtfertigen lässt. Liebe braucht Freiheit, Wahrhaftigkeit, Einvernehmen und Verantwortung.

Gerade deshalb frage ich nach diesen Maßstäben in jeder Beziehung: Wird die andere Person geachtet? Kann sie frei zustimmen? Wird Macht missbraucht? Tragen Menschen füreinander Verantwortung, auch in Krisen? Diese Fragen sind für mich ethisch aussagekräftiger als das Geschlecht der Beteiligten. Mt 19 ↗ · Mt 22,34–40 ↗ · Röm 13,8–10 ↗

8. Meine Position: Liebe stärken, Ausgrenzung überwinden

Historische Einordnung allein entscheidet noch keine heutige ethische Frage. Sie schützt aber davor, antike Urteile ohne weitere Prüfung auf Menschen unserer Gegenwart zu übertragen. Ich komme zu der Überzeugung: Gleichgeschlechtliche Partnerschaften können Orte von Liebe, Treue, Verantwortung und erfahrener Gottesnähe sein.

Der Synodale Weg hat 2022 eine Neubewertung von Homosexualität gefordert und dabei die Würde der Person sowie die Qualität gelebter Beziehungen hervorgehoben. Ich unterstütze diese Richtung. Sie ist als Reformforderung von der weltkirchlichen Lehre zu unterscheiden; meine Ausführungen geben meinen theologischen Standpunkt wieder.

Ich befürworte die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Menschen sollen ihren Glauben leben können, ohne ihre Liebe verstecken zu müssen. Eine Kirche, die zuhört, verantwortlich gelebte Beziehungen würdigt und verletzender Abwertung entgegentritt, kann zur Hoffnung werden.

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