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Christentum und AfD

Christlicher Glaube verpflichtet zur Menschenwürde

Dr. Jens Henning · · ca. 6 Minuten Lesezeit · Theologischer Standpunkt

Warum ich die AfD aus christlicher Überzeugung ablehne – und zugleich das Gespräch mit politisch enttäuschten Menschen suche.

1. Gottes Bild trägt keinen deutschen Pass

Wer Menschen nach Herkunft, Religion oder vermeintlicher Zugehörigkeit unterschiedlich viel Würde zuspricht, widerspricht einer Grundüberzeugung meines Glaubens. Gen 1,27 spricht vom Menschen als Gottes Bild. Diese Würde wird weder vom Staat verliehen noch durch eine bestimmte Abstammung verdient.

Das ist für mich der Ausgangspunkt jeder politischen Urteilsbildung. Die Würde gilt der Nachbarin ebenso wie dem Geflüchteten, einem christlichen Menschen ebenso wie einem muslimischen, jüdischen oder religionslosen Menschen. Sie bleibt auch dort bestehen, wo jemand unbequem ist, Fehler macht oder Hilfe braucht.

Daraus folgt kein fertiges Parteiprogramm. Aber es folgt eine Grenze: Menschen dürfen nicht zu einer angeblich weniger wertvollen Gruppe erklärt werden. Wer um politische Lösungen ringt, muss die Betroffenen als Personen mit Rechten, Geschichten und Hoffnungen ernst nehmen.

2. Das christliche Abendland ist mehr als ein Abgrenzungssymbol

In meinen bisherigen Beiträgen habe ich mich gegen die politische Vereinnahmung des Christentums gewandt. Wer das „christliche Abendland“ beschwört, muss sich fragen lassen, welche Bedeutung die Botschaft Jesu dabei tatsächlich hat. Ein Kreuz als Identitätszeichen ersetzt noch keine gelebte Nächstenliebe.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) wird gerade ein Mensch aus einer religiös und gesellschaftlich abgegrenzten Gruppe zum Vorbild. Die leitende Frage richtet sich auf das eigene Handeln: Wem werde ich zum Nächsten? Jesus führt den Blick zum verletzten Menschen am Weg.

Auch in Mt 25,31–46 steht die konkrete Zuwendung im Mittelpunkt: Hungernden zu essen geben, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen. Diese Texte liefern keine unmittelbare Verwaltungsvorschrift. Sie lassen sich aber ebenso wenig als Begründung dafür verwenden, Mitgefühl grundsätzlich an die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe zu binden.

3. Warum ich die AfD aus christlicher Überzeugung ablehne

Für mich ist die AfD nicht wählbar. Ich begründe das mit dem christlichen Menschenbild und der Verantwortung, Ausgrenzung entgegenzutreten. Eine Politik, die Menschen gegeneinander aufbringt und Zugehörigkeit nach völkischen Vorstellungen bewertet, steht dem entgegen, was ich als Auftrag des Evangeliums verstehe.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat dazu am 22. Februar 2024 die Erklärung „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“ verabschiedet. Sie benennt ausdrücklich die AfD und beschreibt deren damalige Entwicklung als von einer völkisch-nationalistischen Gesinnung geprägt. Aus dem christlichen Gottes- und Menschenbild begründet sie eine klare Absage an entsprechende politische Angebote. Zur Erklärung und zum Originaltext ↓

Diese datierte Erklärung ist eine wichtige Grundlage meiner Position. Meine Argumentation hängt jedoch nicht allein an einer kirchlichen Autorität. Entscheidend bleibt für mich die sachliche Frage: Was geschieht mit den Menschen, die eine politische Bewegung zu Fremden, Bedrohungen oder Menschen zweiter Klasse erklärt?

4. Schwierige Fragen brauchen verantwortliche Antworten

Über Einwanderung, Integration, Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum und die Belastbarkeit von Kommunen muss offen gestritten werden können. Menschen erleben reale Schwierigkeiten. Wer sie ignoriert, hilft weder den Betroffenen noch dem demokratischen Zusammenleben.

Christliche Verantwortung verlangt deshalb konkrete politische Arbeit: verlässliche Verfahren, gute Schulen, ausreichende Unterbringung, Schutz vor Gewalt und Unterstützung für Menschen, die vor Ort Verantwortung tragen. Auch die Rechte und die Sicherheit von Zugewanderten gehören dazu.

Die entscheidende Prüfung lautet: Dient ein Vorschlag der Lösung eines Problems und achtet er dabei die Menschenwürde? Oder wird eine ganze Gruppe zum Sündenbock gemacht? Religionszugehörigkeit oder Herkunft sind kein Beweis für Schuld. Straftaten müssen individuell verfolgt werden; pauschale Abwertung verletzt auch die Menschen, die nichts damit zu tun haben.

5. Warum Demokratie eine geistliche Verantwortung berührt

Der christliche Glaube kennt kein unfehlbares politisches Lager. Auch kirchliche Verantwortliche können irren und Macht missbrauchen. Gerade deshalb halte ich eine Ordnung für kostbar, in der Macht begrenzt wird, Entscheidungen überprüft werden und Widerspruch möglich bleibt.

Demokratie lebt von freien Wahlen, geschützten Minderheiten, unabhängigen Institutionen und einer Öffentlichkeit, in der unterschiedliche Stimmen sprechen dürfen. Für mich passen solche Bedingungen zu der Einsicht, dass kein Mensch und keine Gruppe allein über die Wahrheit und das Wohl aller verfügen kann.

Kirche muss sich dabei ihrer eigenen Geschichte stellen. Christliche Institutionen haben Ausgrenzung, Antisemitismus und autoritäre Macht auch unterstützt. Daraus erwächst die Verpflichtung, die eigene Sprache und Praxis kritisch zu prüfen. Wer Menschenwürde verteidigt, muss bereit sein, sich an diesem Maßstab selbst messen zu lassen.

6. Klare Haltung und Gesprächsbereitschaft gehören zusammen

Ich möchte mit Menschen im Gespräch bleiben, die enttäuscht, wütend oder politisch verunsichert sind. Eine Wahlentscheidung erzählt noch nicht die ganze Geschichte eines Menschen. Zuhören kann sichtbar machen, welche Erfahrungen, Verletzungen oder Ängste hinter einer Haltung stehen.

Gesprächsbereitschaft bedeutet für mich zugleich, Verantwortung einzufordern. Wenn rassistische oder antisemitische Aussagen fallen, braucht es Widerspruch. Die Würde der Abgewerteten darf nicht der Preis dafür sein, dass ein Gespräch für andere bequem bleibt.

Dafür helfen konkrete Rückfragen: Worauf stützt sich diese Behauptung? Wer wird hier pauschal beurteilt? Welche Folgen hätte der Vorschlag für eine Familie, ein Kind oder einen Nachbarn? Und welche demokratischen Lösungen könnten die zugrunde liegende Sorge tatsächlich aufgreifen?

7. Was unsere Gemeinden beitragen können

Eine Gemeinde wird glaubwürdig, wenn Menschen bei ihr Schutz, Anerkennung und Zugehörigkeit erfahren. Dazu gehören Begegnungen über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg, Aufmerksamkeit für Einsamkeit und Armut und das verlässliche Eintreten gegen Rassismus und Antisemitismus.

Für mich gehört auch eine Sprache dazu, die Frauen, queere Menschen und unterschiedliche Lebensgeschichten achtet. Das christliche Menschenbild lässt sich nicht glaubwürdig verteidigen, wenn wir die gleiche Würde nur für ausgewählte Gruppen einfordern.

Ich wünsche mir eine Kirche, die Menschen Mut macht, Verantwortung zu übernehmen: im Gemeinderat, in Vereinen, in der Nachbarschaft und in demokratischen Parteien. Hoffnung gewinnt Gestalt, wenn Menschen gemeinsam handeln und einander Lebensmöglichkeiten eröffnen.

8. Die Hoffnung bleibt größer als die Angst

Die Debatte über die AfD fordert Klarheit. Sie sollte uns zugleich fragen lassen, welche Gesellschaft wir gestalten wollen. Eine, in der Verschiedenheit mit gleichen Rechten zusammenleben kann? In der Verletzliche Schutz finden und Konflikte ohne Entmenschlichung ausgetragen werden?

Ich glaube an einen Gott, der Raum gibt. An Jesus, der Menschen aufrichtet. Und an eine Geistkraft, die Gemeinschaft über Grenzen hinweg ermöglicht. Daraus wächst meine politische Verantwortung.

Deshalb widerspreche ich der AfD und völkischem Nationalismus. Und deshalb setze ich auf demokratisches Engagement, auf das Gespräch und auf eine Hoffnung, die Menschen verbindet.